15.10.

Von Fasern und Feinstofflichem

15.10.2020, 18:00 - 19:00

„Was man trägt, strahlt man auch aus – Was Textilien mit den Menschen machen.“ –  Jeroen van Rooijen im Gespräch

Beim Essen und Trinken hat unsere Gesellschaft eine mittlere Reife erlangt, was Haltung, Herkunft und Handel von Lebensmitteln betrifft. Immer mehr Menschen ernähren sich halbwegs bewusst, und der Anteil an Bio-Kost steigt stetig. Der Wandel hat moralische Gründe, aber nicht nur: Viele Menschen sind davon überzeugt, dass biologisches, faires und nicht-industriell hergestelltes Essen ihnen guttut. Dass das, was sie zu sich nehmen, mehr oder weniger direkt ihre eigene Gesundheit positiv beeinflusst.

Dass natürliches Essen der Gesundheit zuträglich ist, ist wissenschaftlich belegt. Weniger eindeutig sind die Forschungsergebnisse die industriell hergestellten Fasern betreffend, mit denen sich Menschen in zunehmendem Masse kleiden. Es ist zwar klar, dass feine synthetische Faserpartikel, die über die Waschmaschine in die Weltmeere gelangen, den Tieren dort schaden – aber man weiss nicht, ob sie auch den Menschen belasten, der die Kunstfasern am Leib hat.

Vielleicht ist es aber auch unerheblich, ob die Forschung hierzu eines Tages ausreichende Belege präsentieren kann. Denn der steigende Marktanteil von Kunstfasern steht auf einer anderen, vielleicht genauso erheblichen Ebene in einem eigenartigen Kontrast zum allgemeinen Lifestyle der Nachhaltigkeit: Was das Wohlbefinden und die emotionale Komponente des Daseins betrifft.

Vereinfacht gesagt: Es scheint rätselhaft, wie man sich zwar für Bio-Food, Hybrid- und Elektroautos, klimaschonendes Reisen und Wassersparen interessieren, dann aber doch in Polyester-Klamotten von Massenherstellern in der Welt herumlaufen kann. Und das tut die ganz grosse Mehrheit der Bevölkerung – man schaue sich nur einmal eine beliebige Menschenmasse auf einem willkürlich ausgesuchten Bahnhof des Landes an.

Ich bin überzeugt: Die Menschen in ihren kalt raschelnden Nylon- und Polyesterjacken haben das Konzept eines ganzheitlichen Lebensstils nicht verstanden – oder sie sind gefühlstot, was die emotionale und sinnliche Komponente von Textilien betrifft. Eine Kunstfaser mag eine imposante technische Errungenschaft sein – doch sie ist frei von natürlichen „Talenten“. Alle Funktionen, die Naturfasern von selbst haben, bekommt die Synthetik erst durch aufwändige chemische Behandlungen.

Naturfasern sind nicht nur im Stande, zuverlässig zu wärmen, kühlen, ventilieren oder schützen, sondern haben auch emotional eine ganz andere Qualität als die Synthetik. Sie haben eine sinnliche und aktive Komponente, die vom Leben herrührt, das sie gelebt haben – ob es nun tierische oder pflanzliche Fasern sind. In diesen Garnen steckt die Energie von Wind und Wetter, von Sonne und Mond. Diese bleibt erhalten – messbar ist es kaum, aber fühlbar. Wenn man die Sensoren dafür hat.

Deshalb rate ich den Menschen immer, nicht mit dem Blick aufs Preisschild ihre Kleidung einkaufen zu gehen, sondern mit verbundenen Augen und mit den Händen durch die Regale tastend. Wo die Sinne angeregt werden, wo die Fingerkuppen angenehm gekitzelt oder gestreichelt werden, ist meist viel Energie und Natur drin. Diese spürt man auch, wenn man ein solches Stück anzieht, besser noch: man strahlt die Energie, die in qualitätsvollen Naturfasern steckt, auch selber aus.

Es mag ein bisschen esoterisch klingen, aber ich bin durch meine Erfahrung und den täglichen Kontakt mit Mode aller Art felsenfest davon überzeugt, dass es in Textilien eine nicht-messbare Energie gibt, die sich auf den Besitzer eines Kleidungsstücks überträgt. Und wenn es nur die Einbildung und damit das Selbstbewusstsein ist, sich etwas mehr als das absolute Minimum gegönnt zu haben.

Jeroen van Rooijen

Besser tragen – besser fühlen

 

Jeroen van Rooijen

Jeroen van Rooijen, 1970 in der Ostschweiz geboren, absolvierte 1986 den Vorkurs der Schule für Gestaltung Zürich (heute ZHdK) und die Weiterbildung zum Modegestalter. Bis 1993 arbeitete van Rooijen bei Lokalradios, zwischen 1993 und 1995 zeichnete er Kollektionen für Jelmoli. 1995 wechselte er zurück in die Medien (Radio 24, Annabelle, Bolero). Bis 2003 arbeitete er regelmässig für die Modeseiten und Style-Sonderausgaben der deutschen GQ.

2003 stiess van Rooijen als Moderedaktor zur Neuen Zürcher Zeitung, wo er bis Mitte 2010 den Stil-Bund der NZZ am Sonntag leitete und den Launch der monatlichen Magazin-Beilage “Z – Die schönen Seiten” verantwortete. Im Frühjahr 2011 lancierte er die Männerzeitschrift “Gentlemen’s Report”, die später von der NZZ übernommen wurde. 2016 gehörte Jeroen van Rooijen zum Gründungsteam der Online-Plattform NZZ Bellevue, die er von Anfang 2017 bis Sommer 2018 als Gesamtverantwortlicher für alle Lifestyle-Produkte der NZZ leitete.

Jeroen van Rooijen war von 2009 bis 2014 regelmässiger Referent für Zeitgeistfragen am Deutschen Mode Institut in Köln sowie beim Schweizerischen Textilverband Swiss Textiles, schrieb tagesaktuell für die NZZ über Lebensart und war von 2009 bis Ende 2014 ausserdem jeden Dienstagmittag um 14 Uhr mit seinem „Stil-Tipp“ auf Radio SRF 3 zu hören. 2008 erschien das Männermode-Nachschlagewerk „Der Dresscode“ (Orell Füssli), bei NZZ Libro sind ausserdem die Bücher “Die Stilregeln”, “Zerlegt – Mode auf dem Seziertisch” sowie die Kolumnensammlung “Hat das Stil?” erschienen.

Jeroen van Rooijen schrieb in den letzten Jahren regelmässig Kolumnen zum Thema Mode und Stil, etwa in der Bahnzeitung „Via“ oder in der Stil-Beilage der NZZ am Sonntag („Hat das Stil?“). In Workshops und Seminaren vermittelt er seine Kenntnisse Unternehmen und Verbänden.

Seite Ende 2015 ist van Rooijen Mitinhaber des Concept Stores CABINET im Viadukt in Zürich. Ende Anfang 2016 kürte das deutsche Magazin „Gentlemen’s Quarterly“ (GQ) Jeroen van Rooijen zum „bestangezogenen Mann in der Schweiz“.

vanrooijen.ch